Zum Inhalt springen

Warenkorb

Dein Warenkorb ist leer

Artikel: Länger behandeln lohnt sich

Von Johannes Hochleitner

Länger behandeln lohnt sich

Orales mikronisiertes Palmitoylethanolamid (PEA) bei chronischem Schmerz

Mikronisiertes Palmitoylethanolamid (PEA) entfaltet seine Wirkung offenbar über einen längeren Zeitraum. Eine Meta-Analyse von neun Studien mit insgesamt 742 behandelten Personen zeigt: Nach dem ersten Monat nahm die Schmerzintensität im Mittel um 2,08 Punkte auf einer Zehn-Punkte-Skala ab. Zwischen Tag 30 und Tag 60 folgte eine weitere Reduktion um 1,36 Punkte.

Nach zwei Monaten betrug die gesamte Schmerzabnahme damit 3,44 Punkte. Rund 40 Prozent des beobachteten Gesamteffekts traten erst nach den ersten vier Behandlungswochen ein. Gleichzeitig verbesserten sich Hinweise auf die Lebensqualität, teilweise sank der Bedarf an zusätzlichen Schmerzmedikamenten. Die Verträglichkeit blieb über den gesamten Zeitraum unauffällig.

Für die Praxis bedeutet das: Der Behandlungserfolg von PEA sollte bei chronischen Schmerzen möglichst erst nach etwa zwei Monaten abschließend beurteilt werden.

Länger behandeln lohnt sich

Warum diese Arbeit relevant ist

Chronischer Schmerz ist häufig, multifaktoriell und therapeutisch oft unbefriedigend kontrolliert. Palmitoylethanolamid (PEA), ein körpereigenes Fettsäureamid mit Effekten auf glia- und mastzellvermittelte Neuroinflammation, wird seit Jahren als ergänzende Option diskutiert. Für mikronisierte und ultramikronisierte Formulierungen – allein oder in Kombination mit Polydatin – deutete sich in Einzelstudien ein zeitabhängiger Effekt an; offen blieb, wie lange eingenommen werden sollte. Genau diese Frage adressiert die vorliegende Meta-Analyse.

Fragestellung

Bringt eine Verlängerung der Einnahme von mikronisiertem PEA über den ersten Behandlungsmonat hinaus einen zusätzlichen, klinisch relevanten Nutzen bei der Schmerzreduktion?

Methodik

Das Autorenteam durchsuchte die beiden großen medizinischen Literaturdatenbanken PubMed und Scopus bis September 2023, ohne Einschränkung nach Sprache oder Erscheinungsjahr. Das Vorgehen richtete sich nach den international anerkannten Leitlinien für systematische Übersichtsarbeiten; die Suchfrage war vorab entlang von Patientengruppe, Behandlung, Vergleich und Zielgröße festgelegt.

Aufgenommen wurden nur klinische Studien, in denen mikronisiertes Palmitoylethanolamid mindestens 60 Tage lang eingenommen wurde und in denen die Schmerzstärke zu drei festen Zeitpunkten erfasst war: zu Beginn, nach 30 und nach 60 Tagen. Gemessen wurde entweder auf einer visuellen Analogskala von null bis hundert Millimetern oder auf einer numerischen Skala von null bis zehn Punkten.

Die Hauptfrage war, wie stark der Schmerz zwischen Tag 30 und Tag 60 zusätzlich abnimmt. Ergänzend wurden die Veränderungen im ersten Monat und die prozentualen Rückgänge in beiden Monaten betrachtet. Weil sich die Studien deutlich unterschieden, wurde ein Modell mit zufälligen Effekten verwendet, das solche Unterschiede berücksichtigt; deren Ausmaß wurde zusätzlich mit den üblichen statistischen Kennzahlen beziffert. Die Qualität jeder Studie prüften zwei Mitglieder des Autorenteams unabhängig voneinander mit den etablierten Bewertungsinstrumenten für randomisierte und für nicht randomisierte Untersuchungen.

Studienkollektiv

Eingeschlossen wurden neun Studien mit insgesamt 742 behandelten Personen. Darunter befand sich eine randomisierte kontrollierte Studie; die übrigen acht waren unkontrollierte Untersuchungen unterschiedlichen Designs – prospektive und retrospektive Beobachtungsstudien, Pilotstudien und Fallserien.

Behandelt wurden vor allem drei Schmerzbilder: fünf Studien untersuchten chronische Beckenschmerzen, drei chronische Rückenschmerzen verschiedener Ursache – lumbale Radikulopathie, anhaltender Schmerz nach Rückenoperation und Lumboischialgie – und eine Studie widmete sich der Fibromyalgie.

Die Tagesdosen lagen bei 600 bis 1800 Milligramm für ultramikronisiertes PEA und bei 800 plus 80 bis 1200 plus 120 Milligramm für die Kombination aus mikronisiertem PEA und Polydatin. In den meisten Fällen wurde das Präparat ergänzend zur bestehenden Schmerztherapie gegeben. Nebenwirkungen traten selten auf: In drei Studien wurden milde, überwiegend gastrointestinale Beschwerden berichtet, die die Studienteams meist nicht auf die Einnahme zurückführten; Wechselwirkungen mit Schmerz- oder Entzündungsmedikamenten wurden nicht beobachtet.

Das Kollektiv in Stichworten:

  • 9 Studien, 742 behandelte Personen
  • 1 randomisierte Studie, 8 unkontrolliert
  • 5× Beckenschmerz, 3× Rückenschmerz, 1× Fibromyalgie
  • 600–1800 mg/Tag, meist ergänzend zur Schmerztherapie
  • nur milde Nebenwirkungen
  • keine Wechselwirkungen

Ergebnisse

Der primäre Endpunkt fiel klar zugunsten der längeren Einnahme aus: Zwischen Tag 30 und Tag 60 sank die Schmerzintensität um weitere 1,36 Punkte auf der Zehn-Punkte-Skala (95-Prozent-Vertrauensbereich 0,98 bis 1,74; p < 0,01). Der zweite Behandlungsmonat brachte also einen eigenständigen, statistisch gesicherten Zusatznutzen – die Wirkung läuft nach vier Wochen nicht aus.

Auch der Blick auf den Verlauf ist aufschlussreich. Im ersten Monat nahm die Schmerzstärke gegenüber dem Ausgangswert um 2,08 Punkte ab, was einem Rückgang von 35,1 Prozent entspricht. Im zweiten Monat kamen weitere 35,4 Prozent gegenüber dem Wert an Tag 30 hinzu. Über die gesamten zwei Monate ergibt das eine Abnahme von 3,44 Punkten, von der gut 60 Prozent auf den ersten und knapp 40 Prozent auf den zweiten Monat entfielen.

Abbildung 1. Dauerhafte Einnahme von PEA bewirkt stärkere Schmerzreduktion: Die Einnahme von PEA über einen Zeitraum von 60 Tagen bringt einen Vorteil in der Schmerzstillung gegenüber einer Einnahme von nur 30 Tagen. Das heißt, dass wenn der individuelle Behandlungserfolg mit PEA evaluiert werden möchte, dann sollte dies erst nach einer Anwendungsdauer von 60 Tagen erfolgen.  

Der Nutzen zeigte sich nicht nur auf der Schmerzskala: Das Autorenteam berichtet eine parallele Verbesserung der Lebensqualität, und in zwei der neun Studien sank zugleich der Bedarf an Schmerzmedikamenten – ein Hinweis auf einen medikamentensparenden Effekt und damit auf weniger arzneimittelbedingte Nebenwirkungen. Die Verträglichkeit war über den gesamten Zeitraum günstig, relevante Sicherheitssignale traten nicht auf.

Die Hauptergebnisse in Stichworten:

  • erster Monat: −2,08 Punkte (−35,1 %)
  • zweiter Monat: zusätzlich −1,36 Punkte (−35,4 %)
  • gesamt: −3,44 Punkte in 60 Tagen
  • bessere Lebensqualität
  • geringerer Medikamentenbedarf
  • gute Verträglichkeit

Einordnung

Die Arbeit ist methodisch sorgfältig gemacht. Die Literatursuche folgte den international anerkannten Leitlinien für systematische Übersichtsarbeiten, die Fragestellung war vorab klar definiert, und die Qualität jeder einzelnen Studie wurde mit etablierten Bewertungsinstrumenten geprüft. Die Analyse erhielt keine Förderung von außen, und das Autorenteam gibt keine Interessenkonflikte an.

Besonders überzeugt die klinische Bedeutung der gefundenen Effekte. Als spürbar für Betroffene gilt eine Schmerzminderung von etwa 2 Punkten oder rund 30 Prozent. Dieser Wert wurde nicht nur einmal erreicht, sondern in beiden Behandlungsmonaten jeweils erneut. Darin liegt die eigentliche Botschaft der Auswertung.

Bemerkenswert ist, dass der Gewinn über die Schmerzskala hinausreicht. Für Betroffene, die unter ausgereizter Standardtherapie weiter Schmerzen haben, ist das ein praktisch verwertbarer Zugewinn – zumal bei einer Substanz mit sehr günstigem Sicherheitsprofil.

Zur Einordnung gilt: 8 der 9 Studien waren nicht kontrolliert, und die Unterschiede zwischen den Studien waren groß – sie erklären sich aus den verschiedenen Schmerzbildern, Dosierungen und Begleittherapien. Die Ergebnisse sind daher als konsistentes Signal aus der klinischen Praxis zu lesen, nicht als Wirksamkeitsnachweis auf dem Niveau randomisierter kontrollierter Studien. Dass alle Präparate von einem Hersteller stammen, spiegelt vor allem die Marktlage bei mikronisierten Formulierungen wider – die Übertragbarkeit auf andere PEA-Produkte bleibt offen.

Fazit für die Praxis

Die Botschaft für die Praxis ist erfreulich klar: Geduld zahlt sich aus. Wer mikronisiertes PEA ergänzend zur bestehenden Schmerztherapie einsetzt, sollte sie nicht schon nach vier Wochen bewerten – denn der zweite Monat bringt einen ähnlich großen Zugewinn wie der erste. Zwei Monate Einnahme sind damit die sinnvolle Messlatte, und wer sie einhält, gibt der Substanz die Chance, ihr volles Potenzial zu zeigen.

Besonders attraktiv macht diese Option das Gesamtpaket: weniger Schmerz, spürbar bessere Lebensqualität, in mehreren Studien ein geringerer Bedarf an Schmerzmedikamenten – und all das bei einer Verträglichkeit, die über den gesamten Beobachtungszeitraum unauffällig blieb, ohne Interaktionen mit der laufenden Therapie. Gerade für Betroffene, deren Schmerzen unter ausgereizter Standardmedikation weiter bestehen, ist mikronisiertes PEA damit ein naheliegender und risikoarmer nächster Schritt. Weitere kontrollierte Studien werden das Bild noch schärfen – die Richtung geben die vorliegenden Daten bereits vor.

Ihre Fragen unsere Antworten

Warum sollte man mikronisiertes PEA nicht schon nach vier Wochen beurteilen?

Weil die Wirkung dann noch nicht am Ende ist. Zwischen Tag 30 und Tag 60 sank die Schmerzintensität um weitere 1,36 Punkte auf der Zehn-Punkte-Skala – ein eigenständiger, statistisch gesicherter Zusatznutzen. Der zweite Monat brachte prozentual sogar einen ähnlich großen Rückgang wie der erste (35,4 gegenüber 35,1 Prozent). Wer nach vier Wochen abbricht, verschenkt also rund 40 Prozent des möglichen Effekts.

Ist der gemessene Rückgang für Betroffene überhaupt spürbar?

Ja. Als klinisch relevant gilt eine Schmerzminderung von etwa 2 Punkten oder rund 30 Prozent. Diese Schwelle wurde in beiden Behandlungsmonaten jeweils erreicht – im ersten Monat mit 2,08 Punkten (35,1 Prozent), im zweiten mit weiteren 35,4 Prozent. Über 60 Tage summiert sich das auf 3,44 Punkte. Parallel verbesserte sich die Lebensqualität, und in zwei der neun Studien sank der Bedarf an Schmerzmedikamenten.

Für welche Patientinnen und Patienten kommt die Substanz infrage?

Untersucht wurden vor allem drei Schmerzbilder: chronische Beckenschmerzen (fünf Studien), chronische Rückenschmerzen unterschiedlicher Ursache (drei Studien) und Fibromyalgie (eine Studie). In den meisten Fällen wurde PEA ergänzend zur bestehenden Schmerztherapie gegeben. Naheliegend ist der Einsatz damit bei Betroffenen, deren Schmerzen unter ausgereizter Standardmedikation weiter bestehen.

Wie verträglich ist die längere Einnahme?

Unauffällig über den gesamten Zeitraum. Nebenwirkungen traten selten auf: In drei Studien wurden milde, überwiegend gastrointestinale Beschwerden berichtet, die die Studienteams meist nicht auf die Einnahme zurückführten. Wechselwirkungen mit Schmerz- oder Entzündungsmedikamenten wurden nicht beobachtet. Die Tagesdosen lagen bei 600 bis 1800 Milligramm.

Quellenverzeichnis

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38892586/

Mehr Lesen

Wirkung von Enzymen bei Schwellungen nach einer OP

Wirkung von Enzymen bei Schwellungen nach einer OP

Eine Schwellung nach einer OP zeigt, dass die Heilung längst begonnen hat – angenehm ist sie trotzdem selten. Was proteolytische Enzyme wie Bromelain, Papain und Pankreatin im Körper tatsächlich tu...

Weiterlesen