Artikel: Kann Lactoferrin wiederkehrende Blasenentzündungen verhindern?
Kann Lactoferrin wiederkehrende Blasenentzündungen verhindern?
Bovines Lactoferrin, ein natürliches Glykoprotein aus Kuhmilch, reduzierte in vitro die Zellinvasion durch uropathogene E. coli deutlich – vermutlich durch Blockade bakterieller Adhäsionsrezeptoren. In einer Beobachtungsstudie an 33 Personen mit rezidivierender Zystitis senkte die orale Gabe von Lactoferrin (200–1000 mg/Tag, allein oder mit Antibiotika/Probiotika) die Rezidivrate signifikant (p < 0,001): 87,9 % blieben episodenfrei. Die Daten liefern damit ein plausibles Wirkprinzip und sprechen für Lactoferrin als vielversprechendes, gut verträgliches Add-on in der Rezidivprophylaxe – weitere kontrollierte Studien dürften dies künftig noch weiter untermauern.

Wiederkehrende Blasenentzündungen gehören zu den häufigsten Beschwerden, mit denen Patientinnen in der Praxis vorstellig werden. Etwa jede vierte Frau, die einmal eine Blasenentzündung hatte, entwickelt im Laufe des folgenden Jahres weitere Episoden – manche sogar sechsmal oder öfter. Hauptverursacher ist in den allermeisten Fällen das Bakterium Escherichia coli (E. coli), das über die Harnröhre in die Blase aufsteigt.
Das Problem: Diese Infektionen werden meist mit Antibiotika behandelt, doch die Zahl antibiotikaresistenter E.-coli-Stämme steigt kontinuierlich. Deshalb wird nach Alternativen oder Ergänzungen zur klassischen Antibiotikatherapie gesucht. Eine italienische Forschungsgruppe hat sich dafür einen körpereigenen Stoff genauer angeschaut: Lactoferrin – genauer gesagt die Variante aus Kuhmilch (bovines Lactoferrin), die auch als Nutrazeutikum eingesetzt wird. Die Studie wurde 2022 im Fachjournal "Biometals" veröffentlicht.
Was ist Lactoferrin überhaupt?
Lactoferrin ist ein Eiweiß, das der Körper selbst in Schleimhäuten, Tränenflüssigkeit und Muttermilch bildet und einen wichtigen Teil unserer natürlichen Abwehr darstellt. Das bovine (also aus der Kuhmilch stammende) Lactoferrin ist dem menschlichen sehr ähnlich und wird deshalb häufig für Studien und als Nahrungsergänzung verwendet. Lactoferrin gilt als sehr sicher, ist in Europa als Nahrungsergänzungsmittel eingestuft und aufgrund des hohen Reinheitsgrades frei von Lactose. Einzig Personen mit einer bestehenden Allergie gegenüber Kuhmilchproteinen sollen Abstand davon halten.
Teil 1: Was zeigt sich im Labor?
Im ersten Teil der Arbeit haben die Forschenden im Labor untersucht, ob Lactoferrin verhindern kann, dass Bakterien in Blasenzellen eindringen. Dafür wurden Zellen aus der menschlichen Harnblase mit einem typischen "Blasenentzündungs-E.-coli" (Stammbezeichnung CFT073) infiziert und jeweils mit und ohne Lactoferrin kultiviert.

Abbildung 1. Einfluss von Lactoferrin auf die Infektion mit E.coli Bakterien: In einem Zellversuch wurden Blasenzellen mit E.coli Bakterien versetzt und der Einfluss von Lactoferrin auf das Infektionsverhalten untersucht. Es konnte gezeigt werden, dass Lactoferrin die Blasenzellen vor einer Infektion mit E.coli schützen kann.
Das Ergebnis: Wurde Lactoferrin vor oder während der Infektion zugegeben, drangen deutlich weniger Bakterien in die Blasenzellen ein. War die Bakterienmenge niedrig, wurde das Eindringen sogar nahezu vollständig blockiert. Auch die Überlebensfähigkeit der Bakterien, die es doch in die Zellen geschafft hatten, war anschließend deutlich reduziert.
Interessant ist der Wirkmechanismus: Lactoferrin tötet die Bakterien in diesen Experimenten nicht direkt ab. Stattdessen scheint es sich an die Oberfläche der Blasenzellen zu binden und dadurch die "Andockstellen" zu blockieren, die die Bakterien normalerweise nutzen, um in die Zelle einzudringen. Bildlich gesprochen: Lactoferrin besetzt die Türklinke, bevor das Bakterium sie erreicht und betätigen kann.
Teil 2: Die Beobachtungsstudie an Patientinnen und Patienten
Nach den ermutigenden Laborergebnissen wurde eine Beobachtungsstudie mit 33 Personen (22 bis 90 Jahre alt) durchgeführt, die an wiederkehrenden Blasenentzündungen litten. Im Schnitt hatten die Personen in den letzten sechs Monaten vor Studienbeginn vier Episoden durchgemacht und es waren alle bereits mit Antibiotika vorbehandelt worden. Die Daten wurden von Hausärzten, Gynäkologinnen und einer Hämatologin in Italien im Praxisalltag erhoben.
Alle teilnehmenden Personen erhielten Lactoferrin zum Einnehmen, als Kapseln mit je 200 mg. Je nach Schwere der Beschwerden wurde die Dosis individuell angepasst (200 bis 1000 mg pro Tag, aufgeteilt auf mehrere Einnahmen vor den Mahlzeiten). Sieben Personen bekamen ausschließlich Lactoferrin, die übrigen zusätzlich Antibiotika, Probiotika oder beides – je nach ärztlicher Einschätzung. Niemand wurde ausschließlich mit Antibiotika behandelt.
Was kam dabei heraus?
Am Ende der Beobachtungszeit zeigte sich eine deutliche Verbesserung: 29 der 33 Personen (rund 88 %) hatten während der Beobachtungszeit gar keine Blasenentzündung mehr. Die restlichen vier hatten nur noch eine einzige Episode. Besonders bemerkenswert: Auch die sieben Personen, die ausschließlich Lactoferrin – ohne Antibiotikum – erhielten, profitierten fast genauso stark: Sechs von ihnen blieben komplett beschwerdefrei.

Abbildung 2. Klinische Studie zur Wirksamkeit von Lactoferrin bei wiederkehrenden Harnwegsinfekten: An der klinischen Studie nahmen insgesamt 33 Personen teil. Die Anzahl an Harnwegsinfekten hat sich bei allen teilnehmenden Personen signifikant und deutlich reduziert (a). Auch bei den Personen, die Lactoferrin ohne antibiotische Komedikation bekommen haben, sind die Harnwegsinfekte entweder komplett zurückgegangen (6 der 7 behandelten Persone) oder wurden deutlich reduziert (1 von 7) (b).
Die vier Personen, die weiterhin gelegentlich Beschwerden hatten, hatten vor Studienbeginn im Schnitt mehr Episoden gehabt als die Gesamtgruppe und erhielten zudem tendenziell die niedrigere Lactoferrin-Dosis. Die Behandlung wurde insgesamt gut vertragen, relevante Nebenwirkungen wurden nicht berichtet.
Was heißt das für die Praxis?
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Lactoferrin eine sinnvolle Ergänzung – und in manchen Fällen vielleicht sogar eine Alternative – zur klassischen Antibiotikatherapie bei wiederkehrenden Blasenentzündungen sein könnte. Das wäre gerade angesichts zunehmender Antibiotikaresistenzen ein wichtiger Baustein, da Lactoferrin über einen anderen Wirkmechanismus arbeitet als klassische Antibiotika und als gut verträglich und sicher gilt.
Einschränkungen der Studie
Diese ermutigenden Zahlen sollten dabei richtig eingeordnet werden – als vielversprechender erster Schritt, der noch weiter abgesichert werden darf: Es handelt sich um eine kleine, aber aufschlussreiche Beobachtungsstudie aus dem Praxisalltag, noch ohne Vergleichsgruppe (Placebo-Kontrolle oder Randomisierung) und ohne vorab festgelegte Fallzahlberechnung. Die Besserung wurde anhand der von den Patientinnen und Patienten berichteten Beschwerden erfasst; ergänzende Untersuchungen wie Urinkulturen oder Entzündungsmarker im Blut könnten das Bild künftig noch weiter abrunden. Spannend bleibt auch die Frage, welchen genauen Anteil das Lactoferrin und welchen die begleitenden Antibiotika oder Probiotika an der Besserung hatten – ein lohnendes Feld für die nächste Forschungsrunde. Die Autorinnen und Autoren selbst sehen ihre Arbeit als starke Grundlage, auf der größere, kontrollierte Studien nun aufbauen können.
Fazit
Bovines Lactoferrin zeigt im Labor einen plausiblen Schutzmechanismus gegen blasenentzündungsauslösende E.-coli-Bakterien und lieferte in dieser ersten kleinen Beobachtungsstudie an Patientinnen und Patienten sehr ermutigende Zahlen bei wiederkehrenden Blasenentzündungen – sowohl in Kombination mit Antibiotika als auch alleine eingenommen. Angesichts der guten Verträglichkeit und der einfachen Anwendung als Nahrungsergänzung ist das ein spannender Ansatz, der aber erst durch größere, kontrollierte Studien bestätigt werden muss, bevor man daraus feste Behandlungsempfehlungen ableiten kann.
Eure Fragen unsere Antworten
Was genau ist Lactoferrin und ist es sicher?
Lactoferrin ist ein körpereigenes Eiweiß, das auch in Kuhmilch vorkommt und in dieser Form (bovines Lactoferrin) als Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden kann. Es gilt als sehr gut verträglich – lediglich bei einer bestehenden Kuhmilcheiweißallergie ist Vorsicht geboten.
Kann Lactoferrin Antibiotika ersetzen?
In der Studie erhielten die meisten Teilnehmenden Lactoferrin zusätzlich zu Antibiotika oder Probiotika. Nur eine kleine Gruppe nahm ausschließlich Lactoferrin ein – mit ähnlich guten Ergebnissen. Ob es Antibiotika komplett ersetzen kann, ist noch nicht abschließend geklärt; aktuell eignet es sich vor allem als Ergänzung.
Gab es Nebenwirkungen in der Studie?
Nein, relevante Nebenwirkungen wurden nicht berichtet. Die Behandlung wurde von allen Teilnehmenden gut vertragen.
Wie wurde Lactoferrin in der Studie eingenommen?
Als Kapseln zu je 200 mg, in einer individuell angepassten Tagesdosis von 200 bis 1000 mg, aufgeteilt auf mehrere Einnahmen vor den Mahlzeiten. Die genaue Dosierung sollte im Einzelfall ärztlich abgestimmt werden.

