Artikel: Palmitoylethanolamid und Melatonin bei Fibromyalgie
Palmitoylethanolamid und Melatonin bei Fibromyalgie
Terribili und Kolleginnen und Kollegen von der Rheumatologie der Universitätsklinik Siena haben 2024 in der Fachzeitschrift Nutrients eine offene Pilotstudie veröffentlicht, in der eine fixe Kombination aus Palmitoylethanolamid und Melatonin (Handelsname PEATONIDE) bei Menschen mit Fibromyalgie geprüft wurde. Fünfzig Patientinnen und Patienten, deren bisherige Behandlung nicht ausreichend wirkte, erhielten die Kombination zusätzlich zu ihrer laufenden Therapie. Im Folgenden fassen wir zusammen, was untersucht wurde, was dabei herauskam und wie die Ergebnisse einzuordnen sind.

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Einleitung Fibromyalgie
Fibromyalgie ist gekennzeichnet durch chronische, weit im Körper verteilte Schmerzen, Erschöpfung, Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme, ohne dass sich dabei eine organische Schädigung nachweisen lässt. Häufig treten begleitend Kopfschmerzen, Depressionen, Angststörungen, ein Reizdarm, Endometriose, eine Schilddrüsenunterfunktion oder Vulvodynie auf. Weltweit sind mehr als zwei Prozent der Bevölkerung betroffen, und die Erkrankung geht oft mit erheblichen Einschränkungen im Alltag einher.
Eine Erkrankung mit vielen Gesichtern
Nach heutigem Verständnis gehört Fibromyalgie zu den zentralen Sensitivierungssyndromen: Die Verarbeitung von Schmerzreizen im zentralen Nervensystem ist gestört, sodass Betroffene Schmerzen intensiver empfinden (Hyperalgesie) und selbst eigentlich harmlose Reize als schmerzhaft wahrnehmen (Allodynie). Diskutiert werden dabei unter anderem eine Aktivierung von Mastzellen und Mikroglia, oxidativer Stress, erhöhte Entzündungsbotenstoffe, eine Störung der Stressachse mit einer Art Cortisol-Resistenz sowie ein Ungleichgewicht von Botenstoffen wie Serotonin und Dopamin.
Eine allgemein anerkannte, wirksame Standardtherapie gibt es bislang nicht. Internationale Leitlinien empfehlen in erster Linie Bewegung und Physiotherapie. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Betroffene gängige Medikamente wie Muskelrelaxanzien, Opioide oder nichtsteroidale Schmerzmittel schlecht vertragen. Gerade deshalb sind Nahrungsergänzungsmittel und sogenannte Nutraceutica mit gutem Sicherheitsprofil als ergänzende Option von Interesse.
Körpereigene Substanzen im Fokus
Palmitoylethanolamid
Palmitoylethanolamid ist eine körpereigene Fettsäureamid-Verbindung, die in Labor- und Tierversuchen schmerzlindernde, entzündungshemmende und nervenschützende Effekte gezeigt hat. Obwohl sie oft als „Endocannabinoid“ bezeichnet wird, bindet sie vermutlich nicht direkt an Cannabinoid-Rezeptoren. Ihre Wirkung entfaltet sich vor allem über einen Rezeptor namens PPAR-alpha, der die Freisetzung entzündungsfördernder Botenstoffe wie Tumornekrosefaktor alpha und bestimmter Interleukine dämpft. Zusätzlich hemmt Palmitoylethanolamid die Freisetzung von Botenstoffen aus Mastzellen und interagiert mit Schmerz- und Hitzerezeptoren. Eine 2022 veröffentlichte, placebokontrollierte Studie an gesunden Probandinnen und Probanden zeigte, dass die Substanz die zentrale und periphere Schmerzverarbeitung dämpft und die körpereigene Schmerzhemmung verstärkt.
Melatonin
Melatonin ist das bekannte, in der Zirbeldrüse gebildete Hormon, das den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert. Ihm werden zudem schmerzhemmende Eigenschaften zugeschrieben. Zwischen Schmerz und Schlaf besteht eine wechselseitige Beziehung: Schmerzen stören den Schlaf, und ein schlechter oder zu kurzer Schlaf senkt umgekehrt die Schmerzschwelle und verstärkt die Schmerzwahrnehmung am folgenden Tag. Nicht erholsamer Schlaf ist bei Fibromyalgie besonders häufig, weshalb ein Ansatz über das Schlafhormon plausibel erscheint.
Für Palmitoylethanolamid liegen bereits mehrere Studien zu chronischen Schmerzzuständen vor; eine Metaanalyse berichtete einen Vorteil gegenüber Placebo beziehungsweise Vergleichspräparaten bei kaum spürbaren Nebenwirkungen. Bei Fibromyalgie im Speziellen gab es bislang aber erst zwei Studien, beide mit Kombinationstherapien und jeweils positivem Ergebnis. Für Melatonin allein zeigten zwei systematische Übersichtsarbeiten Verbesserungen in verschiedenen Symptombereichen der Fibromyalgie. Die neue Studie aus Siena ist die erste, die die feste Kombination beider Substanzen gezielt bei Fibromyalgie prüft.
Studiendesign
Es handelt sich um eine offene Pilotstudie ohne Vergleichsgruppe und ohne Verblindung, durchgeführt an der Rheumatologie der Universitätsklinik Siena zwischen Juni 2023 und März 2024. Eingeschlossen wurden fortlaufend 50 Patientinnen und Patienten zwischen 18 und 80 Jahren mit gesicherter Fibromyalgie-Diagnose nach den Kriterien des American College of Rheumatology von 2016, deren bisherige medikamentöse Behandlung aus Sicht der Behandelnden nicht ausreichend wirkte. Menschen mit einer Krebserkrankung wurden ausgeschlossen, um die Schmerzbeurteilung nicht zu verzerren.
Alle Teilnehmenden erhielten zusätzlich zu ihrer bestehenden Medikation über drei Monate täglich abends einen Trinkstick mit 1200 Milligramm wasserdispergierbarem Palmitoylethanolamid und 0,2 Milligramm Melatonin. Danach wurde die Einnahme für einen weiteren Monat pausiert, um zu prüfen, ob eine Wirkung auch nach dem Absetzen bestehen bleibt.
Untersucht wurde zu vier Zeitpunkten: zu Studienbeginn, nach einem Monat, nach drei Monaten unter Behandlung und ein weiteres Mal nach vier Monaten, also einen Monat nach dem Absetzen. Bei jedem Termin wurden vier Aspekte erfasst:
· die Schmerzstärke anhand einer visuellen Schmerzskala
· die Schlafqualität anhand eines standardisierten Fragebogens zu Schlaflosigkeit
· die alltägliche Beeinträchtigung und Lebensqualität anhand eines Gesundheits-Fragebogens
· die Anzahl der druckschmerzempfindlichen Punkte am Körper, ertastet von einer geschulten Rheumatologin oder einem geschulten Rheumatologen
Ergebnisse
An der Studie nahmen 50 Personen teil, 38 Frauen und 12 Männer, im Durchschnitt 54 Jahre alt. Die häufigsten Begleiterkrankungen waren eine Schilddrüsenunterfunktion und eine Angst-Depressions-Symptomatik, jeweils bei rund einem Viertel der Teilnehmenden. Bei 44 Prozent lag die Fibromyalgie im Zusammenhang mit einer anderen rheumatischen oder Autoimmunerkrankung vor, war also sekundärer Natur.
Die Schmerzstärke besserte sich bereits nach einem Monat deutlich und nahm bis zum dritten Monat weiter ab. Nach dem Absetzen im vierten Monat nahm der Schmerz zwar wieder etwas zu, blieb aber weiterhin klar unter dem Ausgangswert. Die Schlafqualität verbesserte sich in einem ähnlichen Muster: deutliche Besserung nach einem Monat, weitere Besserung nach drei Monaten und nur ein geringer Rückgang der Wirkung nach dem Absetzen.

Abbildung 1. Einfluss von Peatonide auf Schmerzempfinden: Es konnte über den Zeitverlauf gezeigt werden, dass die Kombination aus Palmitoylethanolamide und Melatonin einen signifikanten Einfluss auf das Schmerzempfinden gezeigt hat. Nach dem dritten Monat war das Schmerzempfinden am niedrigsten. Nachdem das Präparat abgesetzt worden ist, ging das Schmerzempfinden wieder nach oben, aber nicht auf den Ausgangswert zurück.
Bei der Beeinträchtigung im Alltag beziehungsweise der Lebensqualität zeigte sich ebenfalls eine deutliche Verbesserung, die sich nach dem Absetzen der Kombination sogar stabil hielt, statt wieder anzusteigen. Die Zahl der druckschmerzempfindlichen Punkte ging während der Behandlung nur moderat zurück, im Mittel von 15 auf etwa 13,5, und näherte sich nach dem Absetzen wieder dem Ausgangswert an.
Bemerkenswert ist, dass sich diese Effekte unabhängig davon zeigten, welche Begleitmedikation die Patientinnen und Patienten bereits einnahmen, ob Antikonvulsiva, Antidepressiva, entzündungshemmende Schmerzmittel oder andere Wirkstoffe wie Schilddrüsenhormone. Nebenwirkungen wurden zu keinem Zeitpunkt berichtet oder beobachtet.
Einordnung
Die Stärke dieser Arbeit liegt darin, dass sie erstmals überhaupt die feste Kombination aus Palmitoylethanolamid und Melatonin bei Fibromyalgie untersucht hat, und das an einer für eine Pilotstudie recht ansehnlichen Zahl von 50 Personen. Da die bisherige Medikation weiterlief, spiegelt das Setting zudem recht gut die alltägliche Behandlungssituation wider.
Entscheidend ist aber auch, die Grenzen zu benennen. Es gab keine Vergleichsgruppe, keine Placebo-Kontrolle und keine Verblindung – weder Patientinnen und Patienten noch das Behandlungsteam wussten, ob eine wirksamere Alternative bestanden hätte, sondern alle wandten die Kombination bewusst und offen an. Bei Fibromyalgie ist in klinischen Studien erfahrungsgemäß mit einem ausgeprägten Placebo-Effekt zu rechnen, sodass ein Teil der beobachteten Besserung auch auf Erwartungseffekte, mehr Aufmerksamkeit durch die engmaschigen Kontrollen oder den natürlichen Verlauf der Erkrankung zurückgehen könnte. Hinzu kommt, dass fast die Hälfte der Teilnehmenden eine sekundäre Fibromyalgie im Rahmen einer anderen rheumatischen Erkrankung hatte, was die Ergebnisse zusätzlich beeinflusst haben könnte. Und schließlich wurde die anhaltende Wirkung nur einen Monat nach dem Absetzen geprüft, sodass über eine längerfristige Wirkung keine Aussage möglich ist.
Die Autorinnen und Autoren vermuten einen synergistischen Effekt der beiden Substanzen, möglicherweise über eine gemeinsame hemmende Wirkung auf Mastzellen, deren Aktivierung im Gehirn als möglicher Mitverursacher der Fibromyalgie-Symptome gilt, sowie über das Zusammenspiel von Melatonin auf Schlaf und Schmerz gleichzeitig. Bemerkenswert ist außerdem, dass in dieser Studie eine wasserdispergierbare, nicht mikronisierte Form von Palmitoylethanolamid verwendet wurde, während andere Studien meist auf mikronisierte oder ultramikronisierte Varianten setzen, denen eine bessere Aufnahme im Körper zugeschrieben wird. Die vorliegenden Ergebnisse deuten darauf hin, dass auch diese alternative Formulierung wirksam sein kann, wenngleich ein direkter Vergleich beider Formen bislang fehlt.
Fazit für die Praxis
Die Studie liefert ein ermutigendes Signal: Bei Menschen mit Fibromyalgie, deren bisherige Behandlung nicht ausreichend wirkt, konnte die zusätzliche Einnahme von Palmitoylethanolamid und Melatonin Schmerzen lindern, den Schlaf verbessern und die Beeinträchtigung im Alltag reduzieren, und das bei sehr guter Verträglichkeit ohne berichtete Nebenwirkungen. Gerade weil viele Betroffene klassische Schmerzmittel schlecht vertragen, ist eine solche gut verträgliche Ergänzung im Behandlungsalltag durchaus attraktiv.
Wegen des Fehlens einer Kontrollgruppe lässt sich derzeit aber nicht sicher sagen, wie viel der beobachteten Besserung tatsächlich auf die Kombination selbst zurückgeht. Randomisierte, placebokontrollierte und länger laufende Studien sind nötig, um dieses vorläufige, aber vielversprechende Ergebnis zu bestätigen. Bis dahin kann die Kombination als ergänzende Option bei ausgewählten Patientinnen und Patienten erwogen werden, insbesondere wenn herkömmliche Therapien nicht ausreichend wirken oder schlecht vertragen werden, wobei die Betroffenen über den aktuellen Stand der Evidenz offen informiert werden sollten.
Ihre Fragen unsere Antworten
Ist die Kombination aus Palmitoylethanolamid und Melatonin ein zugelassenes Medikament?
Nein. Die Autorinnen und Autoren ordnen Palmitoylethanolamid und Melatonin ausdrücklich als Nutraceutica beziehungsweise Nahrungsergänzungsmittel ein, nicht als zugelassenes Arzneimittel gegen Fibromyalgie. Das in der Studie verwendete Produkt PEATONIDE wurde entsprechend als ergänzendes Präparat und nicht als Ersatz für eine ärztlich verordnete Therapie geprüft.
Für wen könnte eine solche Ergänzung laut der Studie sinnvoll sein?
Untersucht wurden ausschließlich Patientinnen und Patienten, deren bestehende medikamentöse Behandlung als nicht ausreichend wirksam eingeschätzt wurde und die die Kombination zusätzlich zu ihrer laufenden Therapie einnahmen. Besonders interessant könnte dieser Ansatz für Menschen sein, die gängige Schmerzmittel wie Muskelrelaxanzien, Opioide oder nichtsteroidale Entzündungshemmer schlecht vertragen.
Ersetzt die Kombination die leitliniengerechte Behandlung der Fibromyalgie?
Nein. In der Studie wurde die Kombination ausdrücklich zusätzlich zur bestehenden Therapie eingenommen, nicht anstelle davon. Internationale Leitlinien empfehlen weiterhin in erster Linie Bewegung und Physiotherapie; Palmitoylethanolamid und Melatonin werden von den Autorinnen und Autoren als mögliche ergänzende Option bei unzureichendem Ansprechen auf die bisherige Behandlung diskutiert, nicht als eigenständige Erstlinientherapie.
Wie sieht es mit Verträglichkeit und Wechselwirkungen aus?
In der Studie wurden zu keinem Zeitpunkt Nebenwirkungen berichtet oder beobachtet, und zwar unabhängig davon, ob die Teilnehmenden zusätzlich Antikonvulsiva, Antidepressiva, entzündungshemmende Schmerzmittel oder andere Wirkstoffe wie Schilddrüsenhormone einnahmen. Wechselwirkungen wurden dabei allerdings nicht systematisch geprüft, sondern nur das Fehlen beobachtbarer Nebenwirkungen dokumentiert. Vor einer Empfehlung sollte daher wie bei jedem Nahrungsergänzungsmittel die individuelle Medikation im Beratungsgespräch berücksichtigt werden.
Quellenverzeichnis
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39203921/

